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Unvollkommene Welt

Denn einmal angenommen, es gebe einen Gott, und des weiteren, er sei die Liebe oder die Liebe sei eine seiner Eigenschaften, so kann diese Eigenschaft nur absolut sein. Damit ist die Liebe aber auch der Grund der Schöpfung; eine absolute Liebe ohne Gegenstand außerhalb dessen, der da liebt, hebt sich auf [...], worauf aber die bange Frage nicht zu vermeiden ist, warum die Welt als der Grund und der Gegenstand der Liebe Gottes von ihm derart unvollkommen geschaffen wurde - ich brauche nicht ins Detail zu gehen. [...] Gottes absolute Liebe schuf zwangsläufig eine unvollkommene Welt, denn wäre die Welt vollkommen, könnte Gott sie nicht lieben, er könnte diese Welt nur eine Ewigkeit lang bewundern. Ein vollkommener Schöpfer, der einer vollkommenen Schöpfung gegenüber sitzt, hebt sich auf [...]. Je unvollkommener dagegen der Gegenstand der Liebe ist, desto unerbittlicher muß die Liebe sein, um überhaupt noch lieben zu können, sie muß der Vollkommenheit zustreben. Ist der geliebte Gegenstand gar der allerunvollkommenste, schäbigste, eben die Welt, wie sie ist, muß die Liebe von einer Vollkommenheit sein, die nur der absoluten Liebe zugemutet werden kann: Gott als diese Liebe schuf daher nicht die beste, sondern die schlechteste aller möglichen Welten.

Friedrich Dürrenmatt